© Tsekyi Thür

Datierung von Petroleumlampen

Wenn man Antiquitäten sammelt, ist man selbstverständlich darum bemüht, das Alter seiner Objekte zu kennen. Auch wenn die gesammelten Antiquitäten keine archäologischen Fundstücke sind, will man doch wissen, aus welcher Zeitperiode die Stücke stammen. Erst die einigermaßen sichere Datierung solcher Stücke eröffnet die Möglichkeit, die gesammelten Objekte nicht nur kulturhistorisch einzuordnen, sondern auch deren technische Entwicklungsstufe zu verstehen. Dadurch erst gewinnt man Führungslinien, wie man ein solches Objekt reparieren und komplettieren kann.

Das ist nicht anders mit den Petroleumlampen, die zwar eine relativ kurze Zeitperiode von ca. 1860 bis ca. 1920-30er Jahre als Lichtquelle die Welt beherrscht haben, aber in dieser Zeit eine maßgebliche technologische Evolution durchlebten. Eine gute, sinnvolle Datierung einer Petroleumlampe sollte nach Möglichkeit eine Zeitspanne von 10-15 Jahren nicht übersteigen. Und damit fängt dann das große Dilemma an: Die überwiegende Mehrzahl der Petroleumlampen ist weder datiert noch signiert. Der einzige Hinweis auf einen Hersteller ist das Logo auf dem Dochtrad des Brenners. Aber dieser Hinweis ist nur gültig für den Brenner, nicht für die gesamte Lampe. Die Petroleumlampe scheint in den meisten Fällen ein anonymes Produkt zu sein, das man nur dann zu einem Hersteller zuschreiben kann, wenn man das Glück hat, die Lampe in einem alten Katalog dieser Firma zu identifizieren. Kataloge sind leider sehr selten und nicht jedermann zugänglich.

Eine Ausnahme bilden Lampen, die schon von ihren Erzeugern eine Marke oder Kennzeichnung tragen, zum Beispiel „La Lampe Belge“ von Lempereur & Bernard (Belgien), oder „The Miller Lamp“ von Edward Miller & Co. (USA) oder „R. Ditmar Wien“ von diesem Hersteller. Es gibt auch viele amerikanische Lampen, die zwar keinen Herstellernamen tragen, aber dafür exakte Daten der Patentierung, die ein Aufspüren der Patentinhaber und deren Firma ermöglichen. Dann weiß man zumindest, ab welchem Datum diese Lampen produziert wurden. Eine exakte Datierung ist damit trotzdem nicht möglich, denn unter dem Patentschutz wurden diese Lampen oder zumindest ihre Brenner noch viele Jahre produziert (Patente bezogen sich sehr oft auf die Brenner – die einzigen technisch anspruchsvollen Teile der Lampen).

Eine einigermaßen sichere Datierung einer Lampe ist schon eine der wichtigsten Grundlagen für deren wertmäßige Taxierung. Aber wie soll man Lampen datieren ohne grundlegende Kenntnisse über Herstellerfirmen? Insbesondere bei den europäischen Lampen war es möglich, Brenner, Zylinder und Schirme beliebig auszutauschen, sofern die Maße übereinstimmten. Das ergibt eine kaum zu bewältigende Schwierigkeit bei der Datierung einer Lampe, wenn deren hauptsächlichen Bestandteile und insbesondere der Brenner irgendwann mal ersetzt wurden mit Teilen, die Jahre oder Jahrzehnte früher bzw. später entstanden sind als die Lampe selbst.

Ich versuche das zu erläutern an einem fiktiven Beispiel: Nehmen wir an, wir haben eine Lampe erworben, die das Erzeugnis eines uns nicht bekannten Lampenherstellers ist. Der Brenner daran ist ein Matador-Brenner von Ehrich und Graetz. Wir wissen, dass dieser Brenner erst 1895 in den Markt eingeführt und danach viele Jahre lang produziert wurde. Wir wissen jedoch nicht, ob dieser Brenner mehrere Jahre nach dem Erwerb der Lampe als Ersatz für den Originalbrenner eingesetzt wurde, da er eine bessere Lichtausbeute versprach. Die Lampe in unserem Beispiel war vielleicht in ihrer ursprünglichen Zusammensetzung 1875 produziert und verkauft worden. Ohne einen geschulten Blick für Lampenformen und –stile würden wir die Lampe dann wegen des Matador-Brenners nach 1895 datieren, was aber falsch wäre. Damit ist ziemlich klar, dass der mitgelieferte Brenner keine eindeutige Hilfe leisten kann bei der Datierung einer Lampe, da er möglicherweise ausgetauscht worden ist.

Auch wenn eine Lampe in einem alten Hersteller-Katalog abgebildet ist, ist damit nicht immer eine sichere Datierung möglich. Meine Favorit-Lampe L.002 von R. Ditmar ist sowohl im Ditmar-Katalog von 1897 als auch im viel späteren Katalog von 1926 abgebildet. Das heißt, diese Lampe wurde zumindest in dieser langen Zeitspanne (wenn nicht sogar davor und danach) produziert und verkauft. Dieses Beispiel könnte stellvertretend für viele andere Lampen sein, da Lampenproduzenten ihre erfolgreichen Lampen unverändert viele Jahre lang hergestellt haben.

 

14‘‘‘ Favorit-Lampe von R. Ditmar als Modell 8981 in den Katalogen
Von links: Die Favorit-Lampe L.002 in meiner Sammlung
Abbildung im Katalog von 1897
Abbildung im Katalog von 1908
Abbildung im Katalog von 1926

 

Datierung nach dem Kunststil

Die jeweils beherrschenden Kunststile können uns natürlich einen Hinweis auf die Entstehungszeit einer Lampe liefern. Lampen mit ausgesprochener Jugendstil-Ornamentik sind nicht vor 1890 zu datieren, da dieser in ganz Europa dominierende Stil sich erst ab 1890 etabliert hat. Die Zeitspanne des Jugendstils war zwar relativ kurz; ihr Ende begann sich schon ab 1910 abzuzeichnen. Mit dem Beginn des ersten Weltkrieges war Jugendstil schon ziemlich passé. Das heißt aber wiederum nicht, dass Lampen im reinen Jugendstil-Design nach 1910 nicht mehr produziert wurden. Ganz im Gegenteil, einmal eingeführte Lampen blieben noch lange im Angebot der Hersteller, insbesondere als die sinkende Nachfrage nach dem ersten Weltkrieg das Entwickeln und Herstellen neuer Lampen bremste.

Auch die an eklektischer Ornamentik sehr reichen Lampen des Historismus wurden lange danach immer wieder aufgelegt, als der Jugendstil schon längst etabliert war. Einerseits war die Käuferschicht, und insbesondere das reichere Klientel, recht konservativ, was Stilempfinden anging und wollte noch die herrschaftlichen Lampen der vergangenen Stilepochen bekommen, und andererseits konnten die Lampenhersteller nicht sehr schnell auf die neuen Modetrends reagieren und entsprechende Lampen schnell auf den Markt bringen. Die Lampen des Historismus von Wild & Wessel sind beispielsweise im Katalog von 1894 noch voll vertreten, als der Jugendstil schon der maßgebliche Stilrichtung in Kunst und Kunsthandwerk geworden war.

Nach dem ersten Weltkrieg weisen die Lampen dann doch einfachere, weniger von Schmuck und Pomp überladene Formen auf. Die Produktionstechniken wurden wohl zusehends rationalisiert und ließen kompliziert aufgebaute Lampen kaum noch zu. Aufwändig von Hand bemalte Glasvasen und Petroleumtanks wurden durch einfache, schmucklose Ganzmetallkonstruktionen ersetzt. Teurere, prestigeträchtige Lampen dieser Ära zeigen dann eher zeitgenössische Art Déco-Muster. Die Formenvielfalt und Reichtum der Ornamentik von früheren Jahrzehnten sind jetzt nicht mehr anzutreffen.

 

Lampen in unterschiedlichen Kunststilen ca. 1840 -1920
Obere Reihe, von links: Eine französische Öllampe mit Uhrwerk (ca. 1840)
Eine französische Modérateur-Öllampe (1855)
Eine Glaslampe von W&W aus dem Klassizismus (ca. 1870)
Eine deutsche Glaslampe aus dem Klassizismus (ca. 1875)
Eine Zinkguss-Lampe von R. Ditmar im Neo-Renaissance-Stil (Historismus, ca. 1880)
Eine Zinkguss-Lampe von W&W aus dem Historismus (datiert 1884)
Untere Reihe, von links: Eine deutsche Zinkguss-Lampe aus dem Drei-Kaiser-Jahr (Historismus, 1888)
Eine britische Arts & Crafts-Lampe aus Messing (Vorgänger von Jugendstil, ca. 1890)
Eine französische Zinkguss-Lampe in Jugendstil (ca. 1900)
Eine Messing-Lampe im Stil der Wiener Werkstätte (ca. 1900)
Eine Lampe von R. Ditmar in Jugendstil (ca. 1910)
Eine deutsche Lampe kurz vor Art Déco-Zeit (ca. 1920)

 

Diese Betrachtung ist einigermaßen wichtig, da die meisten Petroleumlampen, die zurzeit angeboten werden, eher aus einer Zeitperiode von ca. 1870 bis ca. 1940 stammen. Ältere Lampen sind eher rar und (falls noch gut erhalten) entsprechend teuer. Die Datierung einer Lampe kann nur in seltenen Fällen in einem engen Zeitraum vorgenommen werden. Dazu muss man ein sehr erfahrener Sammler mit geschultem Blick sein, oder möglichst viele Produzentenkataloge besitzen und auch Datierungen von Museen und Auktionshäusern mitverfolgen, um Analogieschlüsse ziehen zu können. Das ist alles gar nicht sehr einfach und erfordert lange Übung. Daher ist es auch verständlich, dass in vielen Fällen, sogar bei renommierten Sammlern, als Datierung einfache Phrasen wie „frühes 20. Jahrhundert“ oder „1890‘er Jahre“ oder „um die Jahrhundertwende“ zu lesen sind. Sehr breite Datierungen wie „zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts“ sind gar nicht selten und zeugen von den erheblichen Schwierigkeiten, eine engere und sichere Datierung vorzunehmen.

Jetzt ist es auch an der Zeit, mit einigen irreführenden Zeitbegriffen von eBay-Angeboten aufzuräumen. Als erstes möchte ich die äußerst freizügige Verwendung des Wortes „antik“ anprangern. Es gibt kaum eine Lampe in eBay, die ohne das Attribut „antik“ angepriesen wird, und das länderübergreifend, international. Es gibt leider keine gesetzliche Definition dieses Wortes, um diesem Unfug Einhalt zu gebieten. Sogar Lampen, die erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts produziert wurden, werden als „antik“ vermarktet. Für mein Verständnis sollte das Wort „antik“ für tatsächlich sehr alte Gegenstände vorbehalten sein. Lampen, die beispielsweise mehr als 100 Jahre alt sind, sollte man mit gutem Gewissen „antik“ bezeichnen. Alle neueren Lampen sollen als „alt“ tituliert werden.

Ein ähnlicher Missbrauch wird mit den britischen Lampen betrieben, da man sie fast ausnahmslos als „victorian“ anpreist. Das Viktorianische Zeitalter ist jedoch mit dem Ableben der langjährigen Monarchin Queen Victoria endgültig ausgegangen. Sehr viele britische Lampen, die zum Teil sogar erheblich nach dieser Zeit hergestellt wurden, werden immer noch als „viktorianisch“ angepriesen, da das wohl eher zum Verkaufserfolg beiträgt.

Ein schwerwiegender Fehler im deutschen eBay ist die Datierung zu Biedermeier-Zeit. Diese Datierung taucht meistens bei älteren Glaslampen auf, und ist schlichtweg falsch! Die Biedermeier-Zeit ist datiert von 1815 bis 1848, und in dieser Zeitspanne gab es keine Petroleumlampen, da Petroleum als Brennstoff noch nicht existierte. Die Ära der Petroleumlampen begann erst ab 1860 mit der industriellen Destillation des Petroleums aus dem Erdöl. Die in durchschnittlichen deutschen Haushalten existierenden Lampen der echten Biedermeier-Zeit waren wohl eher einfachere Schiebelampen (auch „Studier-Lampen“ oder „Goethe-Lampen“ genannt), die Rüböl verbrannten.

Ein weiterer irreführender Zeitbegriff taucht bei den französischen Dreifuß-Lampen (lampe à tripode oder lampe athénienne) auf: man zählt sie lapidar zu „Empire“-Zeit. Auch hier ist eine völlige Unkenntnis der Stilepochen und ihrer Zeiten mit im Spiel. „Empire“ ist der beherrschende Kunststil der napoleonischen Ära, also von 1799 bis 1814. Da gab es noch gar keine Petroleumlampen. Es gab eine zweite, spätere „Empire“-Epoche, und zwar von 1852 bis 1870 zur Zeit des Kaisers Napoleon III. Diese Epoche wird allerdings richtigerweise „second empire“ genannt (also zweite Empire-Zeit). Der Stil der Dreifuß-Lampen gehört aber eindeutig zur ersten „Empire“-Zeit. Betrachtet man die eingebauten Brenner dieser Lampen, stellt man fest, dass sie doch erst nach 1880, also nach der Beendigung des zweiten Empires hergestellt wurden. In solchen Fällen wäre es richtig, wenn man erwähnen würde, dass die Lampe „im Stil der Empire-Zeit“ gebaut wurde, anstatt sie direkt in Empire-Zeit zu platzieren.