© Tsekyi Thür

Die Merkmale typischer französischer Lampen

Die typische französische Lampe ist eher verspielt. Sie besteht zum größten Teil aus einem häufig sehr dekorativen, metallenen Fuß (meist in Messingguss; Zinkguss is seltener), wobei die Ornamentik hier vielfach Art Nouveau-Motive zeigt. Art Nouveau unterscheidet sich im Grunde genommen ziemlich vom deutschen und österreichischen Jugendstil, der eher stilistisch strenge, vereinfachte, gar gerade Linienführung bevorzugt, während die französische Art Nouveau einen fließenden, weiblich-koketten, floral-verspielten Stil aufweist. Der französische Jugendstil hat oft auch dekorative Elemente, die ziemlich starke Barock/Rokoko-Anleihen haben. All das ist natürlich bei den französischen Petroleumlampen auch reichlich zu finden.

Die französischen Lampen verfügen über eine große Formenvielfalt. Hier gibt es alle denkbaren Formensprachen mit ihren recht spezifischen, französischen Merkmalen, die man nach einer langen und intensiven Sammlertätigkeit ziemlich leicht von den Lampen anderer Nationen unterscheiden kann. Die typischsten Lampenformen habe ich in zwei Sammelfotos zusammengefasst, um das Beschriebene etwas verständlicher darzustellen. Die Reihenfolge der Abbildungen folgen aber nicht sklavisch dem Text.

 

Typische Formen der französischen Lampen
Obere Reihe, linkes Foto: Drei ehemalige Modérateur-Lampen aus sehr plastisch gedrücktem Messingblech in gedrungener Form, in der Mitte auch mit aufgesetztem Glasbassin
Obere Reihe, rechtes Foto: Drei ehemalige Modérateur-Lampen aus Porzellan: links gedrungene Form ohne aufgesetztem Bassin; in der Mitte eine langhalsige, balusterförmige Lampe mit aufgesetztem Bassin; rechts wieder eine gedrungene Lampe, aber diesmal mit zusätzlichem Bassin
Untere Reihe, linkes Foto: Drei Lampen mit fernöstlichen Vasen: links Imari-Porzellan; in der Mitte Satsuma-Steingut; rechts Metallvase mit Cloisonné-Bemalung
Untere Reihe, rechtes Foto: Drei „Kugel-Lampen“ als Einsatzlampen in den Hängelampen

 

Eine Besonderheit im Vergleich zu anderen Nationen sind die französischen Modérateur-Öllampen, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vielfach zu Petroleumlampen umgewandelt worden sind. Frankreich war das Land der Modérateur-Lampen; infolgedessen kann man hier auch die meisten zum Petroleumbetrieb umgewandelten (oder gar elektrifizierten) Modérateur-Lampen finden. Siehe dazu Kapitel Entwicklung, wo ich die Unterscheidungsmerkmale und die vorherrschenden Formen dieser Lampen ausführlich beschrieben habe.

Wieder eine französische Besonderheit sind die eleganten Tischlampen, die japanische oder chinesische Vasen besitzen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde „Japonismus“ zu einer sehr angesagten Moderichtung in Frankreich. Japanische Kunstgegenstände wurden in großen Zahlen importiert und vermarktet. Findige Lampenhersteller haben dann angefangen, aus normalen, japanischen Blumenvasen Petroleumlampen herzustellen, indem sie den Boden der Vase durchbohrten und einen Gewindestab durchzogen, um all die anderen metallenen Teile wie Sockel, Petroleumtank, Brenner, etc., mit der Vase zu verbinden. Insbesondere Satsuma- und Imari-Vasen aus Japan, aber auch chinesische Porzellanvasen und mit Cloisonné-Technik bemalten Metall-Vasen kamen zur Verwendung. In der späteren Phase dieser stürmischen Entwicklung haben die Manufakturen in Japan und China schon mit einem Loch am Boden vorbereitete Vasen nach Frankreich exportiert. Bedingt durch die massenhafte Herstellung ging allerdings die Qualität der Bemalung auch verloren.

Eine weitere, von mir hochgeschätzte Besonderheit der französischen Lampen sind die Skulpturen-Lampen aus einer Zinklegierung, die in Frankreich régule genannt wird. Oft von berühmten Bildhauern der Art Nouveau-Periode entworfen und auch signiert, stellen diese Lampen einen Höhepunkt der Lampengestaltung dar. Sie sind meistens von erheblicher Größe; mit einem Sockel aus gedrehtem Holz, das man einem rötlichen, schwarz geäderten Marmor täuschend ähnlich bemalt hat, und einer Patina, die der Skulptur das Aussehen einer echten Bronzefigur verleiht, haben diese Lampen eher die Erscheinung einer teuren, in Bronze gegossenen Bildhauer-Skulptur. Sie tragen einen Petroleumtank und eine Glastulpe, die sich von den anderen, eleganten französischen Lampen nicht unterscheiden. Die Stilrichtung der Figurengestaltung ist sehr oft Art Nouveau, mal weniger, mal mehr ausgeprägt. Diese Art von Skulpturen-Lampen gab es auch in Deutschland, aber wie ich finde, mit eher „statisch“ aussehenden, die kokette Verspieltheit der französischen Figuren in keiner Weise erreichenden Figuren ausgestattet. Ich habe bisher nur sehr wenige deutsche Skulpturen-Lampen in eBay gesehen; meine Kenntnis kommt eher aus alten Lampenkatalogen.

Die Säulenlampen können aus den unterschiedlichsten Materialien angefertigt sein. Bei diesen Lampen besteht der Lampenkörper meist aus einer kurzen, mittellangen oder hohen Säule aus Marmor, Alabaster, Messing (zum Teil vernickelt oder gar versilbert, auch mit Champlevé-Technik veredelt), Glas, Porzellan, Zinkguss oder aus Kombinationen von diesen angefertigt und häufig in genauso verspielten Metallmonturen eingefügt. Auf der Säule der Lampe ist der Petroleumtank angebracht, der sehr oft aus farbigem Glas angefertigt und mit dekorativen Motiven schön bemalt ist. Bei hohen, imposanten Säulenlampen herrscht dagegen das farblose, aber aufwändig geschnittene Kristallglas, oft von der berühmten Glasmanufaktur Baccarat. Der typische Schirm zu diesen Lampen ist die Glastulpe, nicht minder dekorativ wie die übrige Lampe selbst. Die Gesamtgestalt von solchen Lampen ist grazil, schmal und hoch, mit der schön bemalten Tulpe oben eher an eine wahre Blume erinnernd, die aus ihrem dünnen Stiel hervorgeht.

Eine andere, der oben geschilderten elegant-grazilen Lampe ziemlich entgegen stehende Lampenstil ist die französische Kugellampe; von mir einfach so genannt, weil die Vase der Lampe wirklich einer Kugel gleicht. Diese kugelige Vase kann aus bemalter Keramik oder gepunztem, gedrücktem Messingblech bestehen. Es gibt darunter Renaissance-Motive auf Gien-Keramik, arabeske Motive auf Vieillard-Keramik; oder fein bemalte Blumen-Arrangements, die eher an sehr feine Porzellanbemalungen ähneln. Der Petroleumtank dieser Lampen ist aus Eisenblech angefertigt und immer in der kugeligen Vase versteckt. Eine besondere Eigenschaft dieser Lampen war ihre Verwendung in Hängelampen (lampe à suspension), indem man die komplette Lampe ohne den Schirm in einer geeigneten, metallenen Hängevorrichtung mit einem größeren glasschirm einsetzte. Man konnte solche Lampen quasi sowohl als Tischlampen als auch als Hängelampen benutzen (siehe L.028). Allerdings werden sie heute fast immer ohne ihre Hängevorrichtung angeboten.

Neben den Lampen mit intensiver Farbigkeit bemalten Keramik-Vasen der berühmten französischen Manufakturen wie Longwy, Gien und Vieillard gibt es auch viele schöne Porzellanlampen, deren Manufakturen aber vielfach unbekannt geblieben sind, denn diese Porzellan-Vasen bzw. –Lampenkörper sind so gut wie nie signiert. Allein in Paris und Umgebung müssen mehrere solche Manufakturen existiert haben; oft werden deren Erzeugnisse als „Pariser Porzellan“ genannt, ohne irgendeine bestimmte Manufaktur anzugeben. Zwei Porzellanhersteller, die oft Vasen für Modérateur-Lampen mit einem sehr gut unterscheidbaren Stil hergestellt haben, sind Valentine Saint-Gaudens im äußersten Süden von Frankreich, und Bayeux (mit dem weltberühmten Teppich aus dem frühen Mittelalter) in der Normandie. Auch deren Produkte sind nicht mit Bodenmarken versehen; man kann sie aber doch leicht identifizieren.

 

Weitere typische Formen von französischen Lampen
Obere Reihe, linkes Foto: Zwei „Valentin“-Lampen und zwei Glaslampen mit Luftkammern in der Glaswand
Obere Reihe, rechtes Fotos: Keramikvase mit Sockel aus Messingguss – Parisienne-Lampe mit Metallschirm – Lampe mit Mittelteil aus eiförmigem Onyx-Marmor
Untere Reihe, linkes Foto: Dreifuß-Lampen (lampe tripode; lampe athénienne)
Untere Reihe, rechte Fotos: Bürolampe (lampe de travail) von Peigniet-Changeur – Typische Hängelampe mit Einsatzlampe drin

 

Ein nicht zu vernachlässigender Lampentypus aus Frankreich ist die sogenannte „Valentin-Lampe“ (nicht zu verwechseln mit den Porzellan-Lampen von Valentine Saint-Gaudens). Diese Lampe wird in eBay Frankreich sehr oft angeboten; sie war wohl eine eher einfache, mitunter billige Arbeitslampe der Franzosen, die vielleicht sogar ohne einen Schirm in Benutzung war. Die Form ist einfach zu beschreiben: Der Lampenkörper ist gleichzeitig Fuß, Vase und Petroleumtank. Er ist annähernd konkav-zylindrisch, mit einem eher breiten Fußteil, der nach oben in die Mitte hin etwas verjüngt, um oben wieder etwas breiter zu werden, wobei der Durchmesser des Unterteils größer ist als der vom Oberteil. Das Ganze erinnert entfernt an einen weiblichen Torso. Die volkstümliche Bezeichnung „Valentin“ soll angeblich durch einen Musicalfilm von Maurice Chevalier entstanden sein. Das Material dieser Lampe ist in den meisten Fällen Porzellan, einfarbig gehalten oder spärlich bemalt. Der Schirm zu diesem Typus könnte eine einfacher gestaltete Tulpe oder gar eine Glaskugel sein (sicher bin ich nicht, da ich noch keine authentisch erhaltene Valentin-Lampe mit Schirm gesehen habe). Vermutlich hatten sie aber gar keinen Schirm.

Ebenfalls sehr französisch sind die Glaslampen, deren Glaswände Luftkammern in geometrischen Mustern beinhalten, die sich zwischen zwei Glasschichten befinden. Diese viel Können erfordernde, meisterliche Glassorte war wohl in Frankreich sehr beliebt. Es sind sowohl Lampenvasen als auch Tulpenschirme mit dieser Technik angefertigt worden. Diese Erzeugnisse waren vermutlich nicht sehr preisgünstig; trotzdem wurden sie nach Großbritannien und sogar zu den USA exportiert.

Zinkguss ist ziemlich selten bei den französischen Lampen, wenn man einmal von den Skulpturenlampen absieht. Sehr viele Lampen mit den Vasen aus Keramik, Porzellan, Glas oder sogar Metall (z.B. Säulenlampen) haben fast immer einen Sockel aus Messingguss, oft ornamental verziert, auch in aufwändigem Durchbruch-Dekor. Wenn man die in diesen zwei Fotos abgebildeten Lampen betrachtet, wird man das sehr leicht feststellen.

Eine reinrassig französische Entwicklung ist die sogenannte „Parisienne“-Lampe, die sich von allen anderen Lampen durch ihren Metallschirm unterscheidet. Bei diesen Lampen bilden Lampenkörper (Fuß, Säule, Petroleumtank) und Schirm immer eine Einheit, wenn man Material und Verzierung in Betracht zieht. Sowohl der Lampenkörper als auch der Schirm sind aus mehr oder minder aufwändig gepunztem Messingblech, wobei die Verzierung bei beiden Teilen identisch ist. Der Messingschirm ist immer mit einem Glasperlenbehang verziert. Bei hochwertigeren Parisienne-Lampen besitzt der Schirm drei oder mehr farbige Glas-Cabochons, die in den größenmäßig passenden Löchern des Schirms eingesetzt sind und dadurch eine entsprechende, entfernt an maghrebinische Lampen erinnernde Farbigkeit entfalten, wenn die Lampe brennt. Diese Lampen haben speziell geformte Schirmträger, worauf der Messingschirm aufgesetzt wird. In eBay Frankreich tauchen oft Parisienne-Lampen auf, deren Messingschirm fehlt, bzw. ohne Glasperlenbehang offeriert wird. Der erste Fall ist fatal, denn eine Parisienne-Lampe muss ihren passenden Schirm haben; mit anderen Schirmen verliert sie ihren Status. Verlorenen oder beschädigten Glasperlenbehang kann man immerhin mit neuem Behang ersetzen.

Ein weiterer, nur in Frankreich zu findender Lampenstil ist die sogenannte „Dreifuß-Lampe“ (lampe tripode oder lampe athénienne). Bei diesen Lampen werden drei meistens in Form von Fabelwesen oder Tierbeinen geformte Arme aus Messingguss eingesetzt, die von einem schweren Sockel aus Marmor oder Metall nach oben ausgehend einen verzierten Ring tragen, in den man den Petroleumtank aus Glas (geschnittenes Kristallglas bzw. bemaltes Glas) oder Messingblech einsetzt. In ihrem Aussehen sind auch diese Lampen sehr elegant und außergewöhnlich. Sehr schön und aufwändig bearbeitete, große Exemplare erreichen allerdings auch recht hohe Preise.

Noch eine, nicht in anderen Ländern zu findende Spielart der französischen Lampen ist der Einsatz von speziellen Maltechniken mit Emailfarben auf Metallvasen oder –Säulen. Sowohl die Cloisonné- als auch die Champlevé-Technik sind uralt, sie wurden schon im Mittelalter verwendet; ihre Renaissance kam allerdings im 19. Jahrhundert. Französische Lampisten veredelten ihre meist kleinformatigen Lampen mit der Champlevé-Technik. Die Cloisonné-Vasen für die Lampen wurden hingegen hauptsächlich aus China bezogen.

Der typische Schirm der französischen Lampe ist die bemalte Tulpe oder der nicht bemalte, aber aufwändig geätzte Kugelschirm. Hochwertigere Exemplare besitzen Tulpen oder Kugelschirme der beiden renommierten Kristallmanufakturen St. Louis und Baccarat. Ältere Modérateur-Lampen hatten fast immer eine satinierte Glaskugel ohne Ornamentik, die von späteren Petroleumlampen nur am Anfang übernommen wurde. Vesta-Schirme harmonieren dagegen nur schlecht mit den verspielten französischen Lampen. Sie spielen in der französischen Lampenindustrie so gut wie keine Rolle.

Trotz mannigfaltiger, gar überbordender Formenvielfalt gibt es nur wenige Lampenhersteller in Frankreich, die über ihre Landesgrenzen hinaus berühmt geworden sind. Die berühmteste, da innovativste Lampenmanufaktur war von Peigniet-Changeur in Paris, dessen sehr speziell geformten Arbeitslampen (lampe de travail) und hochwertigen, eleganten, seltenen Lampen mit einer Federtechnik innen (lampe pétrole automotrice), die das Petroleum nach oben beförderte (ähnlich zu den früheren Carcel- oder Modérateur-Lampen) gelten als würdige Nachfolger von früher ganz Europa beherrschenden französischen Öllampen. Eine weitere, weltweit einmalige Stellung hat die Firma Gaudard in Morbier inne, da sie möglicherweise der letzte, noch existierende Hersteller von Kosmos- und Flammscheibenbrennern in Europa ist.

 

Die folgende Liste nennt die französischen Lampen- und Brennerhersteller in alphabetischer Reihenfolge, die mir bekannt sind, ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Firma Ort
Daveluy, A. (= ADA) Pont-Saint-Pierre, Normandie
Gaudard (stellt heute noch Kosmos-Brenner her!) Morbier
Jamain Paris
Lacroix & Ferrary Caen
Lévy Fils Paris
L’ELF (= Les Étabilissements L. Fontaine) Neuilly-sur-Seine
Luchaire, P. (früher Blazy & Luchaire) Paris
Maris & Besnard Paris
Peigniet-Changeur Paris
Pinard, A. Paris
Ristelhueber, Jean Paris
Robert, A. Paris
Robert, L. Paris
S.I. (= Societé industrielle d’articles d‘éclairage) Paris
S.V.E. (= Société des verreries pour l’éclairage)- wurde 1923 von L’ELF übernommen.

Paris

 

Meine Lampen aus Frankreich

Französische Lampen haben ihre oft unverwechselbaren Charakteristiken, die ich oben geschildert habe. Durch ihre Besonderheiten unterscheiden sie sich sehr gut von den Lampen anderer Nationen, so dass man französische Lampen recht gut erkennen kann, auch wenn sie gar keine Signaturen oder andere Kennzeichnungen tragen. Infolgedessen kommt das mit 119 Stück zahlenmäßig größte Kontingent meiner Sammlung aus Frankreich. Fast jede dritte Lampe der Sammlung ist eine französische Lampe.

Es ist daher unmöglich, diese große Anzahl von Lampen in einem einzigen Unterkapitel vorzustellen. Ich habe sie in 6 Unterkapiteln folgendermaßen verteilt:

1. Umgewandelte Modérateur-Lampen
2. Lampen mit fernöstlichen Vasen
3. Skulpturenlampen
4. Säulenlampen
5. Lampen aus Porzellan, Keramik und Glas
6. Lampen aus Metall