© Tsekyi Thür

Lampen von Wild & Wessel

Nach ihren gemeinsamen Lehrjahren in der französischen Modérateurlampen-Industrie gründeten Emil Wild und Wilhelm Wessel ihre eigene Lampenmanufaktur 1844 in Berlin. Diese Manufaktur sollte nicht nur der Erfinder von sehr guten, technisch ausgeklügelten Brennern (Kosmos-, Vulkan-, Central Vulkan-, Agni-, Kronos-Brenner) werden, sondern durch die allerhöchste Qualität ihrer Lampen zu einem echten Markenzeichen der deutschen Lampenindustrie avancieren. Folglich sind ihre Lampen, insbesondere die anspruchsvollen, hochpreisigen Exemplare, von den heutigen Sammlern sehr begehrt und gesucht. Oft haben Wild & Wessel ihre Lampen mit einer Modellnummer versehen (leicht identifizierbar als Wild & Wessel’sche Zahl mit einem Punkt am Ende) oder mit den Buchstaben W&W. unter dem Fuß charakterisiert. Daher sind die Lampen dieser Firma recht gut zu identifizieren. Lampen mit Messingsockeln tragen allerdings keine Nummer.

Durch eine eingehende Analyse der Modellnummern und der angegebenen Produktions-Zeiträume im Jubiläumskatalog von 1894 habe ich folgende Datierung für W&W-Lampen ermittelt (selbstverständlich ohne Gewähr). Es gibt allerdings einige wenige Modellnummern, die überhaupt nicht in diese Klassifizierung passen.

 

Tabelle: Datierung der W&W-Petroleumlampen nach Modellnummern

 

W&W-Modellnummer Produktions-Zeitraum
Ab ca. 300 1865-1870
Ab ca. 900 1870-1875
Ab ca. 1100 1875-1880
Ab ca. 1350 1880-1885
Ab ca. 1750 1885-1890
Ab ca. 2200 1890-1894

 

In meiner Sammlung existieren 21 Wild & Wessel-Lampen. Mit zwei Ausnahmen tragen auch alle einen Wild & Wessel-Brenner. Neben den 8 Lampen aus komplettem Zinkguss und 5 weiteren mit Zinkgussteilen habe ich 4 Glaslampen, eine Porzellanlampe, eine Klavierlampe und drei Säulenlampen. Allen eigen sind ihre schöne Gestalt und ihre hohe Qualität.

 

Wild & Wessel-Lampen aus Zinkguss
Von links: L.301 (W&W-Nr. 1110) – L.156 (W&W-Nr. 1205) – L.191 (W&W-Nr. 1208) / L.135 (W&W-Nr. 1405) – L.054 (W&W-Nr. 1536) – L.210 (W&W-Nr. 1697)

 

L.301 besticht durch einen Fries mit allegorischen Szenen, die einem beliebten Trend von damals folgend in grüner Farbe patiniert wurden. Zu dieser Lampe konnte ich einen französischen Kugelschirm mit einer sehr ähnlichen allegorischen Szene erwerben.

L.156 ist eine kleinere Zinkguss-Lampe mit den damals sehr beliebten Puttendarstellungen. Sie ist eine von den wenigen Lampen in meiner Sammlung, die ihre Original-Bronzierung noch sehr gut erhalten haben. Bei dieser Lampe kann man die damalige farbige Gestaltung der Zinkguss-Lampen bewundern.

L.191 zeigt sehr plastisch und detailliert abgebildete Vögel, eingebettet in einem Blumenbett. Die schöne gelbe Tulpe kam aus den USA.

L.135 ist eine große, prunkvolle Lampe des Historismus mit einem 16‘‘‘ Central Vulkan-Brenner. Der fein geätzte Kugelschirm ist aus Großbritannien. Ähnlich aufwändig und prunkvoll ist L.054 mit einem 16‘‘‘ Kosmos-Brenner und einem Tulpenschirm in Melonenform. Bei diesen beiden Lampen kann man den damals vorherrschenden Eklektizismus sehr gut beobachten.

L.210 ist wohl für den britischen Markt bestimmt gewesen, denn sie trägt außer der Modellnummer auch die britische Registrierungsnummer (dadurch datiert auf 1884). Diese Lampe ist ebenfalls mit einem 16‘‘‘ Kosmos-Brenner bestückt.

 

Weitere Wild & Wessel-Lampen aus Zinkguss, teilweise vernickelt
Von links: L.152 (W&W-Nr. 532) – L.151 (W&W-Nr. 1111) – L.295 (W&W-Nr. 1260) / L.352 (W&W-Nr. 312) – L.173 (W&W-Nr. 1824) – L.110 (W&W-Nr. 511)

 

L.152 mit der figürlichen Skulptur aus Zinkguss ist meine einzige Figurenlampe von W&W. Sie wurde 1867 in Paris ausgestellt. Der Sockel besteht aus schwarzem Serpentin. Das Glasbassin ist leider nicht das Original von W&W.

L.151 hat eine pokalförmige Vase aus vernickeltem Zinkblech, einen alten Pariser-Schirm (abgebildet in Schubert & Sorge-Katalogen um 1890) und einen 16‘‘‘ Central Vulkan-Brenner. Die beiden großen Medaillons an der Vase symbolisieren den Tag und die Nacht.

L.295 ist eine prunkvolle Zinkguss-Lampe mit Henkeln, mit zwei Frauenmedaillons und einer Vase aus Zinkblech. Teile der Lampe waren mit grüner Farbe patiniert.

L.352 hat eine interessante Zinkguss-Säule aus stilisierten Elefantenköpfen und ein fein bemaltes Glasbassin. Nach ihrer Nummer zu urteilen gehört sie zu den sehr frühen Petroleumlampen von W&W.

Eine weitere Zinkguss-Lampe aus dem ausgehenden Historismus ist die Lampe L.173. Sie war nach Großbritannien exportiert, denn sie kam mit einem Bajonett-Vasenring und einem Duplex-Brenner von Hinks & Son. Das Design der Lampe ist noch dem gerade aufkommenden Jugendstil weit entfernt.

Die Lampe L.110 mit dem reizvollen Bacchanten-Fries gehört ebenfalls zu den frühen Lampen von W&W. Die drei Füße sind in Form von geflügelten Sphinxen gestaltet.

Einige andere Wild & Wessel-Lampen demonstrieren überzeugend, wie gekonnt Wild & Wessel mit unterschiedlichen Materialien wie Glas, Porzellan, Zinkguss und Messingmonturen sehr schöne, elegante Lampen kreieren konnten.

 

Wild & Wessel-Lampen aus Glas und Porzellan mit Metallmonturen
Von links: L.024 – L.269 – L.338 (W&W-Nr. 388) / L.299 – L.166

 

Die ersten drei Lampen im Foto gehören zu einer frühen Zeitperiode von ca. 1865-1870. L.269 und L.338 sind echte Highlights meiner Sammlung. Zumindest die Lampe L.338 wurde zusammen mit anderen, ausgesuchten Lampen in der Weltausstellung von Paris 1867 vorgestellt. Ihr 14‘‘‘ Brenner gehört zu der ersten Generation von Kosmos-Brennern (1865-1870) und bekam eine Preismedaille in der Pariser Ausstellung. L.024 gehört zu der gleichen Periode, denn sie existiert in einer anderen Variante (in der Sammlung eines Freundes) mit weißen Glasteilen analog zu den Lampen L.269 und L.338.

L.299 aus mintgrünem Glas besticht durch ihre Eleganz. Die durch Elektrifizierung teilweise zerstörte Lampe konnte ich gut reparieren. Hier habe ich einen 16‘‘‘ Agni-Brenner von Wild & Wessel mit dem Original-Zylinder installiert. L.166 schließlich besteht aus einer fein bemalten Porzellanvase von KPM und einer farblich sehr gut passenden britischen Tulpe.

 

Wild & Wessel-Säulenlampen und eine Klavierlampe
Von links: L.123 – L.146 (W&W-Nr. 2301 & 2) – L.222 – L.049

 

Die drei Säulenlampen links im Foto zählen zu den außergewöhnlichen Lampen meiner Sammlung allein durch ihre Schirme. L.123 ist eine eher schlichte Lampe mit einer Alabaster-Säule. Der extrem flache Glasschirm darauf ist eine typische Wild & Wessel-Erfindung. Normalerweise waren diese Schirme mit einem passenden textilen Behang versehen (Baumwoll-Bordüre mit Lochstickerei oder Spitze), der aber die Jahrzehnte nicht mehr überdauern konnte. Ich habe die Bordüre mit der Lochstickerei selbst angebracht.

Die große Säulenlampe L.146 hat einen Sockel und eine Säule als Kombination von rötlichem Marmor und dekorativem Zinkguss. Sie kam ohne Schirm zu mir, war aber doch vorbereitet für einen großen Seidenschirm (erkenntlich am speziellen Schirmträger, der dran montiert war). Also habe ich selbst einen solchen Seidenschirm entworfen und vollständig selbst gebaut.

L.222 ist eine Säulenlampe mit einem sehr komplizierten Aufbau aus Kupfer-, Messing- und Eisenteilen und ebenfalls mit dem typischen, flachen Opalglas-Schirm. Ich bekam die Lampe mit einem nachträglich angebrachten Glasperlenbehang, den ich doch dran gelassen habe, da er farblich gut passend ist.

Die letzte Lampe rechts, L.049, ist eine seltene Klavierlampe von W&W, wohl hergestellt für Schubert & Sorge (abgebildet im Katalog von 1897). Leider konnte ich noch nicht einen 10‘‘‘ W&W-Kosmos-Brenner für diese Lampe finden. Wenn mir das glückt, werde ich den Brenner austauschen.