© Tsekyi Thür

Zylinder für Brenner mit kleiner Flammscheibe

Bei der Erfindung und Verbesserung der Argand’schen Brenner hatte man ja sehr früh festgestellt, dass ein Glaszylinder, der auf der ungefähren Höhe der Flamme mit einer knickartigen Schulter verjüngt war, eine hellere Flamme ergab. Diese Erfindung wird im Allgemeinen dem Franzosen L’Ange (oder Lange) zugesprochen, der damals zusammen mit einem Apotheker namens Quinquet die Erfindung von Ami Argand zu stehlen versuchte. Dieses Prinzip der knickartigen Verjüngung wurde dann für sehr lange Zeit beibehalten. Auch die späteren, optimierten Öllampen wie Modérateur-Lampen hatten diese Art Zylinder, die selbstredend Knick-Zylinder genannt werden. Eine weitere deutsche Bezeichnung dafür ist Schulter-Zylinder.

Diese Zylinder haben keinen ausgewiesenen Kragen. Der untere Teil des Zylinders, der bis zur Höhe der Flamme streng zylindrisch hochgezogen ist, ist gleichzeitig der Kragen, da sein Durchmesser exakt der Galerie des Brenners entspricht. Auf der Höhe der Flamme verjüngt sich dieser Zylinder sofort in einer Stufe, und geht wieder streng zylindrisch, aber mit einem kleineren Durchmesser als unten, nach oben.

 

Knick-Zylinder für Modérateur-Öllampen und für Petroleumbrenner mit kleiner Flammscheibe (abgebildet in ihrem richtigen Größenverhältnis zueinander - Obere Reihe: Marken der abgebildeten Zylinder)
Von links: Zylinder für Modérateur-Öllampen
Zylinder für 14‘‘‘ Victoria-Brenner, Stobwasser
Zylinder für 15‘‘‘ Sonnenbrenner, R. Ditmar
Zylinder für 16‘‘‘ Perfect-Brenner, Kindermann
Zylinder für 18‘‘‘ Sonnenbrenner, R. Ditmar
Zylinder für 20‘‘‘ Odin-Brenner, Carl Holy

 

Die Knick-Zylinder für Modérateur-Öllampen kann man recht leicht von den anderen Knick-Zylindern unterscheiden, da ihr unterer zylindrischer Teil vom Unterrand bis zur Knickstelle wesentlich länger ist.

Ein weiterer Innovationsschritt bei den frühen Brennern war die Erfindung der Flammscheibe in den 1840’er Jahren in Großbritannien. Diese ersten Flammscheiben hatten eine ziemlich kleine Scheibe auf ihrem Stift. Diese kleine Scheibe hatte also nicht die erstrangige Aufgabe, die Flamme korbartig erheblich zu verbreitern (wozu die späteren, größeren Flammscheiben erfunden wurden), sondern den Luftspalt zwischen der Flamme und der Wand des Glaszylinders zu verkleinern. Kombiniert mit der starken Verkleinerung des Zylinder-Durchmessers bewirkt die Flammscheibe eine erhebliche Verengung dieses Spaltes, die zwei wichtige Funktionen erfüllt.

Erstens: der Luftstrom der erhitzten Luft nach oben erfährt an dieser Stelle eine erhebliche Beschleunigung, da die gleiche Luftmasse von unten kommend jetzt auf einmal eine sehr viel engere Stelle durchströmen muss. Dieser Effekt ist auch in der Natur sehr bekannt: träge dahinfließende, breite Flüsse bekommen auf einmal eine viel größere Fließgeschwindigkeit, wenn sie eine enge Stelle passieren müssen. Die höhere Geschwindigkeit des Luftstroms nach oben zieht die Flamme zwangsläufig mit nach oben; die Flamme wird nach oben „verlängert“, die Oberfläche der Flamme vergrößert sich und die Lichtausbeute steigt entsprechend.

Zweitens: Die beiden Luftströme, d.h. der innere und der äußere Luftzug, werden an dieser signifikant beengten Stelle viel stärker an die innere und äußere Flanke der Flamme gedrückt. Das ergibt einen intensiven Luftkontakt der Flamme mit dem Ergebnis, dass die Flammenhelligkeit hier entsprechend zunimmt.

 

Ein Brenner mit kleiner Flammscheibe und seinem Knick-Zylinder
Von links: 16‘‘‘ Odin-Brenner von Carl Holy, mit Knick-Zylinder
Schematische Darstellung der Luftströme und der Flamme
Flamme des Brenners

 

Mit dem Aufkommen der Petroleumlampen mit Rundbrennern hatte man zunächst dieses Prinzip unverändert übernommen. Die ersten Petroleum-Rundbrenner mit einer Flammscheibe hatten diese, oben beschriebene kleine Flammscheibe und wurden gemeinsam mit den entsprechenden Knick-Zylindern betrieben. Ein prominentes Beispiel hierfür ist der berühmte Sonnenbrenner der Firma R. Ditmar in Wien. Aber auch andere, mehr oder weniger bekannte Brenner aus deutscher Produktion gehören zu dieser Klasse, wie z.B. Rex-Brenner von Ehrich & Graetz, Odin-Brenner von Carl Holy, Diamant-Brenner (Mitrailleusen-Typus) von Schwintzer & Gräff, Victoria-Brenner von Stobwasser (alle in Berlin), um nur einige zu nennen. Diese Brenner brauchen ausschließlich einen passenden Knick-Zylinder.

Wenn man nun für einen Brenner mit der kleinen Flammscheibe den dazu passenden Knick-Zylinder sucht, wird man ernüchtert feststellen, dass diese Zylinder sehr rar sind. Sie werden heute nicht mehr neu hergestellt. Will man zum Beispiel seinen 15- oder 18-linigen Sonnenbrenner mit dem passenden Knick-Zylinder versehen, muss man entweder sehr viel Glück haben und den Zylinder irgendwo finden, oder von einem Glasbläser einen neuen maßstabgetreu produzieren lassen. Eine weitere Option ist es, bei dem US-Amerikanischen online-Handel (Miles Stair’s Wick Shop; siehe Literatur und Quellen) den Zylinder zu bestellen. Der Besitzer lässt nämlich Zylinder für beide Sonnenbrenner-Größen aus Borosilikatglas absolut maßstabgetreu neu herstellen.

 

Zylinder-Größen

In der folgenden Tabelle habe ich die maßgeblichen Dimensionen der Knick-Zylinder zusammengestellt. Dabei habe ich die Zylinder zugrunde gelegt, die ich in meiner Sammlung habe.


Tabelle: Knick-Zylinder

Zylinder für Kragenweite (mm) Höhe (mm)
14‘‘‘ Victoria-Brenner von Stobwasser 53 250-257
15‘‘‘ Sonnenbrenner von R. Ditmar 51-53 285
10‘‘‘ Diamant-Brenner* von Schwintzer & Gräff 53 290
16‘‘‘ Perfect-Brenner von Kindermann 57,5 280
16‘‘‘ Mars-Brenner von Carl Rakenius 58,4 293
14‘‘‘ Diamant-Brenner* von Schwintzer & Gräff 62-63 305-315
18‘‘‘ Sonnenbrenner von R. Ditmar 62-63 305-310
20‘‘‘ Odin-Brenner von Carl Holy 63-64 285-295

* Die Liniengröße der Diamant-Brenner von Schwintzer & Gräff unterscheidet sich von der Liniengröße anderer Brenner mit vergleichbarem Zylinder.